Dies ist eine Webseitenkritik, die den Kollegen helfen soll, ihre eigenen Seiten zu optimieren. Sie gibt meine persönliche Einschätzung wieder. Wie bei allen bisher erschienenen Kritiken achte ich darauf, daß zu der besprochenen Webseite von mir her ein Mitbewerberverhältnis am Markt nicht besteht. Meine Kritik soll der betreffenden Firma nicht schaden, sondern an der Aufgabe mitwirken, das Erscheinungsbild unseres Gewerbes im Netz zu heben.
Bezug: Meldung im Börsenblatt des Buchhandels (Netzausgabe)
Die Eingangsseite scheint farblich und in den Formen von einem halbblinden, boshaften Netzdesigner gemacht zu sein. Bei näherem Hinsehen stört inhaltlich eine sicher nicht so gemeinte, aber leider dergestalt herüberkommende sprachliche Renommisterei. Dazu gesellt sich äußerste Umständlichkeit in der sprachlichen Ausdrucksweise, Quisquilien werden hochkulturell-bedeutsam ausgewalzt.
Die pseudomoderne Frechheit, wichtige und lange Texte in heller Abschattierung zu bringen, ist hier mit einem lichthellgrau gesetzten Text auf die Spitze getrieben. Das ist, zusammen mit den absurd langen Zeilen und einer verquasten, nicht gut lesbaren Schriftype, schiere Körperverletzung. Man muß das den Netzdesignern deutlich sagen - solche Eingangsseiten sollten dem Leser gegenüber schmerzensgeldpflichtig werden.
Das graue Sonderfeld rechts oben verhehlt die Adresse mehr, als es sie mitteilt; hier wird das Design endgültig zur Farce. Nur die beiden Verbandssignete sind leicht angeberisch prominent eingesetzt.
"Sorgfältige Beschreibungen sind für uns selbstverständlich, und als Mitglied im Verband Deutscher Antiquare (VDA) sowie in der International League of Antiquarian Booksellers (ILAB) haben wir uns freiwillig der Ethik-Regeln dieser Verbände unterworfen, die uns verpflichten, beim Arbeiten mit alten Büchern gegenüber Verkäufern und Kunden genaue Regeln einzuhalten."
Solche Elogen würde ich mir, wäre ich dieser Kollege, als Antiquar mit so hochwertiger, diffiziler Ware (von der wir gewöhnlichen Antiquare oft nur träumen dürfen) ersparen. Die Kunden für solche Titel sind in der Lage, zwischen den Zeilen zu lesen, auf sie wird massive Selbstanpreisung immer peinlich wirken. Ich gehe nicht weiter auf dieses Thema ein, da ich der hochqualifizierten Firma nicht zu nahe treten möchte.
"Alte Bücher verstehen wir als historisches Kulturgut, das uns heute Auskünfte gibt über frühere Zeiten und das möglichst unangetastet überdauern sollte; das bedeutet, dass wir - wenn immer möglich - auf restaurierende Eingriffe verzichten. Sollten sie aber zum Zweck der Bestandserhaltung erforderlich sein, werden sie nur von ausgewiesenen Fachwerkstätten vorgenommen."
Das ist, mit Verlauf, umständliche Salbaderei. Zurückhaltung in Restaurierungsfragen ist löblich, darf und kann in einem kurzen Satz erwähnt werden. Aber verschonen wir doch den Käufer mit langatmigen Sonntagsreden!
"Ein altes Buch als ein Ensemble von Text, Druck, Papier, Einband (und evtl. Illustration) beeindruckt auch uns, die wir an ganz andere technische Möglichkeiten gewöhnt sind, immer wieder durch die handwerkliche Präzision und die Liebe zum Detail, mit der sie hergestellt wurden; ganz besonders gilt dies natürlich für Inkunabeln (bis zum Jahr 1500 gedruckte Bücher) und ihre ganz individuelle Ausgestaltung, die Geschmack, Vorlieben und finanzielle Möglichkeiten des ersten Besitzers spiegeln. Deswegen empfinden wir es als Verpflichtung, möglichst solche Bücher anzubieten, die noch in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten sind, also v.a. in ihrem originalen Einband, und wir freuen uns besonders über jedes Buch, das wir mittels der Beschreibung in einen kulturellen Kontext der Zeit setzen können."
Ich überlasse diesen Absatz in seiner Ansammlung von Selbstverständlichkeiten und kulturellem Geschmuse dem Urteil des Lesers...
Ansonsten die üblichen kleinen Fehler: Die Registerkarte "Home" auf der "Home"-Seite zum Anklicken anzubieten, ist ganz un-möglich. - Den exzellenten Begleittext zum "Besonderen Buch" hätten wir gern gut lesbar gesetzt (siehe oben) und mit den dito hervorragenden Scans auf *einer" Seite dargebracht. Die Aufsplitterung in 4 Teilseiten, dann auch noch recht undeutlich über ein Kästchen verlinkt, wirkt betrüblich unklar, zerfahren, aufgesplittert. - Wenn ich mir so viel Zeit zum Beschreiben nehme, dann kann ich die Kurztitel der Referenzwerke nun weißgott auch ausschreiben. Das ist eine Frage der Höflichkeit. Wenn Kiefer im Kurztext mit 5000 anderen Titeln schreiben würde:
Hain 7296; BMC III, 787; GW 10221; v.d. Haegen 22,02; BSB/Ink. F-222; Goff F 266,
dann verstehen wir das, knallen uns aber Büchel-Baur das an den Kopf im Rahmen einer vierseitigen Buchbeschreibung, dann sind wir beleidigt. - Den Preis würde ich nicht so lustig-peinlich verstecken, das wirkt verdächtig oder doch geschmäcklerisch.
Unter "Kataloge" finden sich, wie wir es hier erwarten dürfen, ungemein detailreiche und, soweit ich Stichproben machen konnte, von meinem geringeren Kenntnisstand her, ganz hervorragende, untadelige und löbliche Beschreibungen. Nur setzt sich hier das zu Beginn erwähnte schiere Grauen der (Un-) Lesbarkeit in extremis fort.
Wie können gute Beschreibungstexte durch kindisch-schlechtes Webdesign derart verhunzt und entwertet werden!
Das Impressum dürfte wegen der im Link dorthin verwendeten (absurden) Mikrotype abmahnungsfähig sein. Wir sollten mit solchen Grundfesten des Handelsrechts im Netz nicht herumspielen. - Der Impressum- bzw. Geschäftsbedingungen-Bereich ist hier ausnahmsweise einmal allzu knapp geraten. Ein absolutes Mindestmaß der Geschäftsbedingungen ist unterschritten, vielleicht nicht juristisch, jedenfalls aber kundenpsychologisch. Denn die in der Homepage zu Anfang in Anspruch genommenen Verbands- und ILAB-Regeln sind ob ihrer Schwammigkeit berüchtigt und ersetzen ein kleines, aber solides Fundament an Geschäftsbedingungen keineswegs, jedenfalls nicht im hochpreisigen Bereich.
Fazit:
Eine inhaltlich hochinteressante und vom Fachtext her bedeutende Webseite wird durch schauerliche, ganz kindlich-dumme, teils auch absurd-freche Fehler im Webseitenbau völlig entwertet. Wir haben hier den Fall, daß eine Webseite kraft ihrer Gestaltung der Firma nicht nur nichts nützt, sondern ihr, immer nach meiner persönlichen Einschätzung, empfindlich schadet.
Die Note für den Inhalt muß bei "2" (gut) bleiben und kann nicht "sehr gut" sein, weil zu wenig mit Bildern gearbeitet wird und sich im Einführungstext wolkig-blumiges Schwadronieren störend bemerkbar macht. - Bei dieser Qualität der Ware sind auch im "Katalog" reichhaltige Bebilderungen im Netz heute zwingend.
Die Note für die Form wird bestimmt durch die Todsünde des Designers, einen an sich hochinteressanten und recht gut auch optisch lebendig verwertbaren Stoff herüberzubringen in einer Gestaltung, die selbst für eine Kleinstadtbäckerei noch beleidigend wäre. Hier ist nun einmal die von mir sonst möglichst vermiedene "6" (ganz ungenügend) angebracht.

Naja, so gut sind sie nun auch wieder nicht, die Beschreibungstexte.
AntwortenLöschenLXXIX Ss., (1) S. (weiß), 360 Ss. + 25 nicht pag. Bll.; 452 Ss. + 22 nicht pag. Bll.; 448 Ss. + 24 nicht pag. Ss.; 452 Ss. + 22 nicht pag. Bll. Mit gestochenem Frontispiz und 92 Kupfertafeln auf den nicht paginierten Blättern. ?
Eher bizarr zu nennen.
(16), 151 Ss., (1) S. (weiß). ?
Davon abgesehen, daß man Ss. und Bll. mit gutem Grund schon länger kaum noch verwendet, was soll denn die (1) S. nach S. 151 anders sein als weiß oder leer?
Humbug.
Hain 7296; BMC III, 787; GW 10221; v.d. Haegen 22,02; BSB/Ink. F-222; Goff F 266 stört mich, ohne es überprüft zu haben, gar nicht. Wer das nicht versteht, hat von Inkunabeln keine Ahnung.
Zu Ihrem letzten Abschnitt: Es scheint mir weniger eine Frage des "Verstehens" zu sein. Sicher kann jeder Inkunabelfachmann die Kürzel auflösen, ohne nachschlagen zu müssen.
AntwortenLöschenEs wirkt aber seltsam arrogant und abgehoben, wenn ich diese Kürzel verwende auf einer allgemeinen Webseite. Ist eine Sache des guten Geschmacks, der psychologischen Wirkung auf den Kunden. Wobei ich Ihnen gern zugebe, daß gerade dieses fachmännische Formulieren den Reiz der exklusiven Materie erhöhen kann.
Es ging mir mehr darum, der formal so unglücklich gestalteten Webseite auch etwas Nettes nachzusagen. Generell würde man heute, ginge es nach mir, eine *Reform* der Beschreibung alter Drucke anstreben - Erhöhung der Anschaulichkeit, ausgedehntes Arbeiten mit Scans usw.
Joachim Ringelnatz:
AntwortenLöschenEs war ein faules Krokodil,
Das lag zwei Monate ganz still.
Dann schlief es sieben Jahre ein
Und schließlich schien es tot zu sein.
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Oder kommt da doch noch was?
Mit freundlichem Gruß
Miristsolangweilig
Das Krokodill ist blind und stumm.
AntwortenLöschenSchuld trägt daran Kollege Plocher, der mich aus dem Xing-Forum ausgesperrt hat - wie soll ich berichten über eine Szene, die nicht wünscht, daß ich ihre Diskussionen mitverfolge? Und stumm bin ich durch die Aussperrung aus dem Börsenblatt. Bei aller Kritik an dem Frankfurter Netzdienst halte ich Querverbindungen dorthin für jeden, der über Antiquariatsfragen berichten will, für unverzichtbar.
Zwei Hinauswürfe sind für mich etwas zu viel. So mag ich nicht arbeiten. Ein großes Projekt hätte ich schon zur Hand, besonders nützlich, seitdem der Neubau von Börsenblatt.net *inhaltlich* äußerst enttäuschend geworden ist. (An die äußere Form dagegen habe ich mich schnell gewöhnt).
Den freundlichen Gruß darf ich erwiedern,
Peter Mulzer