Samstag, 27. März 2010

Ebay, das neue Börsenblatt und ein alter Balzac

http://www.boersenblatt.net/375731/template/bb_tpl_antiquariat/

Der Artikel in börsenblatt.net trägt eher wenig zur Klärung der Frage bei. Der Antiquar wünscht sich etwas mehr Fachinformation, wünscht er sich nicht?

Die Gründe für das Scheitern dieses Ebay-Verkaufs lassen sich aufzeigen. Hier kam gleich ein ganzes Bündel von Fehlern zusammen. Dröseln wir es auf!

1.
Ungeheuer wichtig für den Erfolg bei Ebay ist die Wahl der korrekten Sachgruppe.

Die Einstellung unter "DDR-Bücher-Ostalgie" war blödsinnig in diesem Fall. Niemand sammelt unauffällige, nichtbibliophile und unpolitische Alltagsbücher der Weltliteratur, in der früheren DDR gedruckt, aus nostalgischen Gründen, warum auch.

Noch blöder kommt mir die Einordnung in der zweiten Gruppe vor, nämlich "    * Antiquitäten & Kunst >
* Antiquarische Bücher >* Literatur >* Sonstiges. Wer  innerhalb des reichgegliederten Regelwerks bei Ebay wirklich keine andere Sachgruppe findet als diesen nichtssagenden Papierkorb, der ist entweder faul oder blind.

Angesichts der irrsinnigen Menge der eingestellten Bücher ist es dem Kunden, auch dem fleißigsten, nicht möglich, derart falsch eingestellte Titel zu finden.

2.
Gleich danach kommt das Foto. Die Kunden lieben es, die Ware zu sehen, das ist wie eine Sucht, eine Art Ebay-Kino wird erwartet.

Auf keinen Fall darf man einen schäbigen, eingerissenen Schutzumschlag zeigen. Die (vergleichsweise wenigen) Umschlagsammler sind ganz unverschämte, radikale Erhaltungszustandsfanatiker, eine Kundengruppe, die ich wegen ihrer Millimeter-Kleinkariertheit gar nicht mag. Hier wäre es viel besser gewesen, den Umschlag, überdies von zweifelhafter Künstlerhand geschaffen, ins Altpapier zu kippen, dann das Buch aufzuklappen und beide Deckel und den Rücken in einer Aufnahme zu fotografieren, noch besser  einzuscannen. - Nur depressive Hausfrauen vor dem Absprung vom Dach ihres Plattenbaus in Marzahn zeigen ihre Objekte ausgerechnet auf schwarzem Untergrund. Und das Objekt sollte nicht unten zu hell, oben aber zu düster belichtet sein. Dieses Foto ist ganz schrecklich!

3.
Wichtig ist auch der Versteigerungszeitpunkt. Um 16 Uhr sind die Leute noch bei der Arbeit oder sie machen gerade einen Stadtbummel. Vernünftige Termine sind erst ab 18, besser ab 19 Uhr anzusetzen. Die Wahl des richtigen Wochentags lassen wir hier mal außen vor - eine Wissenschaft für sich.

4.
Die Noteneinteilung gerät hier - zum schweren Nachteil für den Verkäufer - zur Farce. Ich bin an sich ein Freund von klaren, konsequenten Zustandsnoten. Die müssen aber unbedingt dem vertrauten Level unserer Schulnoten entsprechen. 1 ist "ladenfrisch", 2 "etwas benutzt, aber immer noch leicht überdurchschnittlich", 3 muß schon deutlich von dem vom Kunden zu wünschenden guten Erhaltungszustand abweichen, es ist "stärker benutzt, etwas unter dem Durchschnitt".

Alle Kriterien, die der Verkäufer im Beispiel anwendet, sind schief, widersprüchlich in sich selbst und absolut nicht vertrauenserweckend. Ich lese da etwa "leichte Gebrauchsspuren - noch gut lesbar" ( für 3) und "wellig, mufflig, schmutzig - alles möglich, jedoch noch lesbar" (für 4), undsoweiter - das ist nicht gut, würde Björn Biester sagen.

5.
Wer in dieser absoluten Weise Rücknahme und Garantie ablehnt, sich so penetrant auf seine Rechte als "Privatverkäufer" zurückzieht, der brüskiert den Käufer. Ich haue auch den Kollegen auf die Finger, die mit unendlichen Umständlichkeiten ihre Kunden vergraulen - wieviel mehr muß ich diesen "Privatmann" mit Wildwestmethoden und Null Vertrauensvorschuß im Kleingedruckten kritisieren! Was hiermit geschieht.

6.
Es gibt Bücherarten, Büchersorten, Themen, die man nirgends vernünftig loswird, weder beim ZVAB noch bei Ebay. Dazu gehört leider die Literatur, insbesondere die "Weltliteratur" in gängigen Ausgaben. In der Grabbelkiste vor dem Laden oder im Flohmarkt preist man einen Band dieser Art mit 50 cents aus und ist froh, wenn er nach 6 Monaten weggeht.

Ebay lehrt uns in ungeheuer spannender und überzeugender Weise, daß es weite Felder der alten Bücher gibt, die zu keinem Preis mehr absetzbar sind, die man im Ankauf mit "Null" bewertet und nur aus Gefälligkeit oder zur Kundenwerbung beim Ankauf übernimmt. Neben Bildbänden und Theologie sind das eben 90 % der alten und neuen Literatur in billigen Standardausgaben.

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Mir fehlt dem Beitrag im Börsenblatt das, was wir früher im Deutschunterricht die "Auswertung" nannten: Daß wir hier ja doch ein Lehrbeispiel haben für Titel, die auch nicht "adäquat" angeboten werden können und sollen (mir graust vor der Forderung des Verfassers, diesen Schrott auch noch nach Prolibri-Manier "besser beschreiben" zu sollen) - - sondern die schlicht und ergreifend Büchermüll darstellen.

Hier wäre es an der Zeit, gerade die jüngeren Kollegen radikal und systematisch aufzuklären.

Und ihnen auch zu sagen, wie lehrreich das kleine Ebay-Häkchen in der "erweiterten Suche" im Kästchen "Beendete Angebote" sein kann - mit dem Setzen dieses Häkchens beginnt alle Ebay-Wissenschaft.

Nur so kommen wir zur nackten Wahrheit. Nicht immer ist erfreulich, was sich uns dann enthüllt.

Ebay kann nichts dafür.

2 Kommentare:

  1. Sicher kein Buch zum reich werden, aber bei Ebay nur in Auktionen unverkäuflich. Das gleiche Buch als Festpreis-Angebot geht für 3...4€ immer wieder über virtuelle Theke.

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  2. Ein interessantes Thema! Ich habe zur Zeit mit Tests des Ebay-Shopsystems begonnen und kann auch von überraschenden Ergebnissen berichten. Über Ebay-Shops werden wir noch viel schreiben müssen. Mit den "alten" war ich nicht glücklich; das neue Shopmodell bei Ebay ist aber wirklich verbessert.

    Daß es viele Leute gibt, die vergnügt ihre paar Euro in der (Arbeits-)Stunde einnehmen mit Billigtiteln, das freut sie (und mich, indem ich es ihnen gönne). Aber es bleibt doch eine Plackerei mit bescheidenem Erlös.

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