Sonntag, 28. März 2010

Kollege Meinke, das Börsenblatt und Mulzer, der Unartige

Kollege Meinke führt mich, wer hätts gedacht, durch die Hintertür der Kommentarfunktion in das neue Netz-Gebilde des Börsenblattes ein. Auf daß die Erwähnung des Leibhaftigen nicht gleich wieder getilgt werde, garniert er seinen Text diensteifrig mit den üblichen abwertenden Ritualen, dem Mulzer falle zwar manchmal was ein, aber erstens sei er "beleidigend" und zweitens schreibe er zu lange Texte, er "zerrede" und sei "uferlos".

Das erinnert mich, mit Verlaub, an den Völkischen Beobachter, in dem man von Kommunisten und Juden auch nur schreiben konnte, wenn die üblichen Formeln dabeistanden, etwa "zersetzend" oder "artfremd".

Der sich immer wiederholende und ausufernde – und wegen der oft auch beleidigenden Zusätze sicherlich nicht ganz zu Unrecht von dieser Plattform ausgeschlossene Herr Mulzer hat ja immer wieder Lichtblicke und erkennt Problematiken, die er dann aber gerne wieder in Grund und Boden zerredet. Zumindest hat er aber gerade jetzt (wieder einmal) erkannt, dass man Interessenten für das alte Buch gewinnen muss.

Ende des Zitats. Hierzu zweierlei, auch wenn mir solche Nabelschau eher nicht liegt und ich ansonsten über mich selbst möglichst wenig, über die jeweilige Sache um so mehr schreiben möchte.

1.
Die Wiederholungen in meinem Blog sind systembedingt. Ich habe den neuen Börsenblatt-Netzdienst sehr energisch kritisiert, weil ich davon überzeugt bin, daß hinter den formalen Schwächen, Versäumnissen und Mängeln dort eine viel tieferes und ernsteres inhaltlich-taktisches Versagen der Redaktion steckt.  Die Form behindert die Aussage, macht Auswertungen und Übersichten, vor allem aber fast jeden *Dialog* dort unmöglich. Es gibt bei Netzdiensten jeder Art engste Zusammenhänge zwischen "äußerer" Gestaltung und innerer "Mission" und "tieferer Wirkung". Wir sahen das auch anschaulich bei Kollegen Stormchens Antiquariats-Anzeiger, der an formalen Mängeln gescheitert ist, trotz guter Gesinnung, trotz bester Absichten.

Das Blog-System aber, in dem ich hier schreibe, ist in noch weit groteskerem Ausmaß völlig ungeeignet für das, was ich eigentlich transportieren und bewirken möchte. Anders gesagt: Während ich formale und taktische Fehler bei anderen kritisiere, sitze ich fürchterlich und beschämend selber im Glashaus.

Es ist vor allem das Blog-System, das mich zwingt zu Wiederholungen (in neudeutscher Sprachverblödung auch "Redundanz" genannt) und zu "ausufernden" Texten. Denn eigentlich müßte ich vor jedem neuen Beitrag das bisher Gesagte zusammenfassen, es den Hörern in Erinnerung rufen, etwa wie ein Prediger, der zu Beginn jeden Gottesdienstes die Hauptartikel des Katechismus, jeweils auf den neuesten Stand gebracht, verlesen läßt, möglichst im Wechselgesang. Denn die alten Beiträge sind ja im Orkus des Blogsystems, irgendwo tief unten, längst verschwunden...

Also sind es zunächst formale Gründe, die mich zu Wiederholungen und Längen bringen. Aber da ist noch etwas anderes, das ich mir nicht nehmen lasse: Es macht mir Spaß, Vergnügen, bereitet mir ein positives Grundgefühl, wenn ich locker und flüssig schreiben (und auf einige Zuhörer rechnen) darf. So gesehen ist es ein Geschenk, im Netz schreiben zu dürfen. Wenn ich mich nun aber, weil formale Regeln etwa nach dem Brauch von dpa oder Reuter das vorsehen, knapp, stringent, effektiv auf das "Notwendigste" beschränken soll, dann macht mir das Schreiben - - keinen Spaß mehr. Den will ich aber haben!

Ein Beispiel aus viel höheren Regionen. Wer ein Exemplar der "Zeit" etwa von 1985 zur Hand nimmt, der entdeckt zu seiner Verblüffung, daß dort überwiegend sehr lange, literarisch brillante, in der Themenerfassung fast schon wissenschaftliche Beiträge zu finden waren. Die Autoren durften und sollten journalistische Meisterarbeiten abliefern. Unter zwei Stunden war das Durchlesen einer "Zeit" nicht zu machen. Ich habe das jahrzehntelang genossen. - Wer heute eine aktuelle "Zeit"-Nummer mit jenen historischen (neben der FAZ sicher führenden) Meisterleistungen der Journalistik vergleicht, der ist enttäuscht vor allem über die Kürze der Beiträge heute. Weit gesetzt, aufs Notwendige beschränkt, diszipliniert, kaum mehr individuell,  k a l t, knapp, vernünftig - welch ein Absturz!

Ich denke nicht daran, mich im äußeren und inneren Stil solcher modernen Verarmung anzupassen. Mir ist als Leser ohnehin, von manischen Aufdröslern irgendwelcher Nebensächlichkeiten abgesehen, fast nie die Länge eines Schreibens hinderlich. Man muß doch schnell und quer lesen können - im Netz von heute mehr denn je, das üben wir doch alle.

Und ein Weiteres. Ich möchte den Lesern helfen! Hilfe aber setzt voraus, daß die schwächeren Schüler durch Wiederaufgreifen, durch variertes Wiederholen wichtiger Stoffe an den Gesamtzusammenhang erinnert werden. Wer sich an einen berufskundlichen Blog setzt, muß wissen, daß er sich auch in einem virtuellen Klassenzimmer befindet. Hat die hinterste Bank alles kapiert? Falls nicht, haken wir da gleich nochmal nach...

2.
Den Kreis der von mir "Beleidigten" kann ich wie folgt aufgliedern. Da sind einmal die Punchingbälle vom Dienst. Wer ein gutes Gedächtnis hat, der erinnert sich allemal an einen auslösenden Vorfall, an ein Urereignis, in dem ich gekränkt worden bin. Ob es sich da um eine Antiquarin mit spitzer Hutnadel aus Kiel handelt, um einen investigativen Antiquar vom Niederrhein, um eine Genossenschaft, die ich, Gott seis geklagt, selber ausgedacht hatte vor über zehn Jahren, um Datenbanken, die in Form und Strategie ihre User konsequent kränken und quälen, um nach meiner Einschätzung völlig verunglückte Konzepte (Preishai), um quasi führungs- und tatenlose Verbände, um unsoziale und drohnenhafte Firmen (Versteigerungsergebnis-Verhehler) , um Kollegen, deren Webseiten mitunter von Einbildung und Hoffahrt nur so strotzen (inzwischen wirds besser), um Roßtäuschereien wie das Ausgeben der Teilergebnisse einer kleineren Allgemein-Datenbank in der eigenen Firmenwebseite als "eigene" Liste, dazu noch wie im Hohn "Qualitäts-Webseite" benannt, tatsächlich aber totale Kundenveräppelung darstellend, ein Börsenverein, dessen irrsinnige Mitgliedsbeiträge 90 % aller Kollegen den Beitritt verunmöglichen, der aber solche systematische Ausgrenzungspolitik als Alibi für den freundlichen Satz "Was wollt Ihr denn, jeder kann ja beitreten" benutzt, undsoweiter, die Liste ist noch weit länger.

Ja, bitte, soll ich da denn nicht offen reden? Kann das dann anders als "beleidigend" wirken auf den Empfänger, auf die Zielperson meiner Kritik? Wie bitte soll ichs denn anstellen? Muß ich dem Kritisierten zum Ausgleich immer auch was Positives ums Maul schmieren, ist der Griff zum Honigtöpfchen wirklich notwendig? Sollte ich zurückhaltender formulieren, mit verlogen-heuchlerischen Abschwächungen wie "könnte man meinen" arbeiten oder "es kann nicht ganz ausgeschlossen werden, daß" - muß ich mir einen Vorrat an "vielleicht", "ein wenig", "unter Umständen" zulegen?

Ich denke nicht im Traum daran!

Freundlich Ihr Peter Mulzer

5 Kommentare:

  1. Mich in die Nähe des "Völkischen Beobachter" zu setzen ist aber nicht gerade nett, Herr Mulzer.

    Sie sind weder zersetzend noch artfremd, Sie springen nur von einem zum nächsten Thema, bleiben zu selten bei der Sache, schießen zu häufig über das Ziel hinaus - und vergreifen sich oft im Ton.

    Das schadet Ihrem Anliegen mehr als ich das je könnte (und wollte).

    Ich fände es angemessen, wenn Sie den Völkischen Beobachter zurücknähmen.

    Danke im voraus

    H.Meinke

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  2. Lesen Sie bitte den Text noch einmal, dann wird Ihnen klar werden, daß es mir nur um ein *Bild* ging dafür, daß mir stur und obligatorisch mir bestimmte Attribute zugelegt werden.

    Sowas kennt man von links wie von rechts als Merkmal einer unfreien Presse. Sie sind, um in meinem Bild zu bleiben, der Journalist, der im Völkischen Beobachter (oder sonst einem kontrollierten Blatt - darum geht es) nur unter Hinzufügung der dort üblichen abwertenden Zusätze schreiben zu dürfen glaubt.

    Insoweit steht der Völkische Beobachter wirklich nur stellvertretend.

    Beides, das Gewalttätig-Maßlose im Inhalt und das Vergreifende im Ton, benutze ich nur als Stilmittel. Persönlich sind mir die angegriffenen Akteure ziemlich egal, wenn ich sie nicht sogar mag (Beispiel: Heuberger, RFMeyer). Mit wenigen Ausnahmen vermeide ich persönlich gefärbte Aktionen unter Kollegen.

    Spannende Frage: Habe ich "ein Anliegen"? - Könnte es nicht sein, daß ich einfach nur sage, was ich sehe, ganz naiv? Was sollte ich denn "wollen"? Habe ich finanzielle, strategische, sonstige Absichten? Will ich mich "profilieren"? Alles das entfällt.

    Wenn Sie mich spontan fragen, antworte ich Ihnen aus dem Stand: Ich habe Spaß an dem Spiel, das da inszeniert ist (ich sage nicht "wird").

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  5. Hier könnte nun der neuerliche energische Widerspruch des verehrten Kollegen Meinke stehen, darunter wiederum meine Gegenrede - ich habe aber beide getilgt. Denn dieser Blog dient der Klärung beruflicher Fragen, persönliche Differenzen dagegen lassen sich über Emails besser klären.

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