Sonntag, 28. März 2010

Fort mit der Luftpolstertasche! Es lebe Drehfix!



Meine verehrte ältere Schwester erinnert sich von Zeit zu Zeit daran, daß sie als Pädagogin im Ruhestand allerlei für ihre Fortbildung tun könnte. Dann macht sie sich auf den Fischzug durch unsere Bücherdatenbanken und wenige Tage später trudeln die Sendungen ein.

Die Bücher selbst waren mit wenigen Ausnahmen besser, als ich alter Skeptiker es erwartet hätte - Zustand und Inhalt erfreulich, die Preise moderat, Adressen wurden korrekt notiert, die Form der Rechnungen war mitunter schauerlich, aber das macht ja nix, wenn die Ware stimmt.

Aus dem Sessel gekippt bin ich allerdings, als meine Schwester, beflügelt vom Nachkriegskindermotto "das kann man ja alles noch einmal brauchen", den Stapel der Verpackungen anschleppte und mir vor Augen führte - in welch unmöglicher, schäbiger, lächerlicher und völlig ungenügender Weise die meisten Kollegen ihre Versandverpackungen auswählen und gestalten.

Eine einzige Katastrophe, peinlich für das Gewerbe. Ich forschte nach, konnte bei mir selber nicht gut fündig werden, da ich fast nur Versteigerungsobjekte und große Lose versende, die ich ausgesprochen "brutal, aber haltbar" mit Hermes versende. Das hat wenig zu tun mit den Anforderungen, denen die typischen Einzelbuchversender gerecht werden müssen.

Das Ergebnis war dann mit einigem Überlegen und Sortieren rasch zu finden. 9 von 10 Kollegen, eine weitaus höhere Zahl, als ich vermutet hatte, verwendeten

*Polstertaschen.

Die sehen neu, ich wiederhole, n e u  auch recht gefällig aus. Kommen sie aber nach einem mittelschweren Transportweg in die Hand des Endzustellers und von dort in die meiner Schwester, dann sehen sie in aller Regel

*wie ausgespuckt, zerknittert, bestaubt, zerknautscht, billig

aus. Eine einzige Tragödie, und wenn von "Imagepflege" unseres Berufs die Rede sein soll, dann müssen wir an solchen echten Peinlichkeiten zunächst Hand anlegen. Das große Ganze kommt dann später.

Zunächst: Ich glaube nicht so recht an die Klagen mancher Kunden, die Polstertaschen seien für viele Bücherschäden verantwortlich. Hülle ich das Buch noch in einer Innenverpackung ein, jawohl, das dürfen auch glatte saubere Zeitungen sein, dann ist die Polstertasche schon ziemlich sicher.

Im Mittelpunkt steht tatsächlich eher die Psychologie. Wir dürfen nicht vergessen, daß der Kunde ja die Übergabe des Päckchens an der Haustür als *einzigen* körperlich-dinglichen Kontakt mit uns erlebt. Das Bücherpäckchen ersetzt den Händedruck zwischen Kunde und Antiquar.

Die wenigen Karton-Fertigverpackungen strahlten fast unberührt, seriös und intakt - - Solidität aus. Warum kommen sie in der Tagespraxis des mittleren Antiquariats trotzdem so selten vor?

Bisher nahm ich an, die Kartonverpackung sei weitaus teurer. Tatsächlich nimmt der (angeblich so günstige) Bürowaren-Großhandel gesalzene Preise für Kartonverpackungen, während er die Luftpolstertaschen als sogenannte "Kampfartikel" preiswert ansetzt.

Bei einiger Googletätigkeit, solche Recherchen sind wegen der komplizierten Warenbezeichnungen gar nicht so einfach, kam ich auf einen Hersteller von Kartonagen, der uns schon als preiswerter Anbieter von Umverpackungs-Entsorgungspauschalen (man weiß und seufzt...) positiv aufgefallen war. In deren Webseite angekommen gilt es, wiederum ziemlich angestrengt zu forschen, bis man zu folgenden Resultaten kommt (siehe die beiden Fotos).

Das Fazit ist erstaunlich - sehr seriöse Kartonumverpackungen der raffinierteren Art (Kreuzdrehsystem) kosten kaum mehr als die entsprechenden Luftpolster-Versandtaschen für A5 und A4. Für mich ist das, mit Verlaub, eine Sensation. Wir haben als Antiquare die Möglichkeit, jene schäbigste, peinlichste aller Umverpackungen ein für alle mal zu verbannen, die Luftpolstertasche.

Ich nehme an, daß die Frage einer wiederverschließbaren, durch die Post "nachprüfbaren" Stelle oder Kante mit in das dortige Modell integriert ist oder doch integriert werden kann. Das wäre meine einzige kleine Einschränkung. Vom Gewicht her gibt es kaum was einzuwenden.

Warum bin ich so feierlich auf diesen Punkt eingetreten, den der Verpackung? Weil zu jener "corporate identity" , mit der wir uns in nächster Zeit befassen wollen, alles das gehört, was unseren Beruf, unseren Absatz aufwertet. Drei Viertel aller Absatzsteigerung ist Verkaufspsychologie!

Leider habe ich den Luftposter-Knautschtütenberg der deutschen Antiquare bei meinem Schwesterchen nicht fotografiert. Aber Sie können sichs schon vorstellen - e k e l h a f t, miserabel,  b i l l i g s t!

Ein Element der kommenden gemeinsamen Identität unseres Berufs, vor fünfzig Jahren hätte man das die "Hebung" des Berufs genannt, ist die Einführung der Karton-Drehverpackung als absolut eingehaltene
R e g e l.

Peter Mulzer in Freiburg



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