Sonntag, 28. März 2010

Vollands Marketing Teil 1: Wenn ich ein Buchhändler wär

 Guten Tag,

Holger Volland schreibt, leider verborgen in der "Blog"-Rubrik des unübersichtlich konstruierten neuen Börsenblatt-Netzdienstes, einen ruhigen, freundlichen Übersichtsartikel zum Thema "Branchenmarketing" im (Neu-)Buchhandel, der mit folgenden ausgezeichneten Gedanken schließt, ich darf zitieren:

"Doch wenn uns der Zufall hier nicht ausreicht, sondern wir das Bild bewusst gestalten wollen, fehlt uns dazu noch eine gemeinsame starke Klammer.

Ob das nun eine einzige Plakatkampagne sein muss, in der sich jeder wiederfindet – sei bezweifelt. Vielleicht sind wir als Buchbranche ja smart genug, ein ganz modernes und intelligentes Branchenmarketing zu starten, das auf der Basis einer starken Kernidee wenige klare Botschaften setzt, letztlich aber mit vielen verschiedenen Maßnahmen und Kommunikationsbausteinen die Vielfalt unserer Branche repräsentiert."

1.
Das Buchantiquariat ist nicht in der schrecklichen Lage, in der sich der Neubuchhandel befindet. Als kleinerer Neubuchhändler würde ich mich am nächsten Laternenpfahl aufhängen, denn es kann nicht gut gehen mit der Branche in den kommenden Jahren, das Sterben der Neubuchwelt wird schmerzlich sein, sehr quälend, langsam wie die spanische Garrotte, und weil Buchhändler kultivierte Menschen sind, werden ihre Schreie nicht bis auf die Straße zu hören sein, auch ihr letztes Röcheln nicht. Sie werden ihre  Ersparnisse opfern, um dann gebrochen auf den abgewetzten Stühlen der Arbeitsämter zu sitzen und Fürsorge zu beantragen (die ehrlichen alten Bezeichnungen).

Der Neubuchhandel wäre zu retten, wenn man mich fragen würde, durch eine tollkühne, ganz neue Verbindung mit umfassenden Internetdiensten. Die Buchhandlung der Zukunft muß

*Mittler zwischen den digitalen Inhalten im Netz sein und dem Privatmann, der sich die Mühe des Herunterladens, Ausdruckens und Bindens nicht machen kann oder will. Er muß außerdem alleiniges Zugriffsrecht auf noch nicht gemeinfreie, aber digitalisiert vorliegende, als Neubuch nicht mehr lieferbare Büchertexte haben

Der Buchhändler der Zukunft soll ein ausgefuchster Netzrechercheur sein, ein Internet-Dienstleister, der "auch" noch Neubücher verkauft. So ungefähr wäre meine Antwort auf Vollands unausgesprochene Frage nach einem Rettungskonzept für den Neubuchhandel. Was übrigens, und darin liegt die Schwierigkeit, gerade für den kleineren Buchhändler in Landstädten oder Stadtteilen eine geistige Mobilisierung voraussetzen würde, die *nur* der Börsenverein zu organisieren in der Lage wäre:

Der Neubuchhändler als Internet-Recherche-Experte und als Verwalter einer gigantischen Ausdruck- und Bindemaschine. Kernaussage:

Agentur für Wissen, Kultur, Kunst. Buch und Internet aus einer Hand. Was wir nicht gedruckt haben, das ermitteln wir für Sie und drucken es aus.

Es wäre ein Trugschluß anzunehmen, das könne der Durchschnittsmensch "ja zuhause selber" machen. Weder die Ermittlungen über Google Books usw. noch (und ganz besonders) das geordnete Ausdrucken von Internet-Texten und das gefällige Binden der Texte kann der Privatmensch. Er will eine "Tankstelle für Wissen", die das alles für ihn besorgt. Wobei die Mühen und Freuden eines kleinen Volksbücherei-Auskunftsmenschen, mitsamt Psychotherapie und Sorgentelefon für viele Menschen, nicht gescheut werden sollten. Das alles bindet ja Kunden!

Ich sehe das einmal als Substitutionsmodell - je mehr der Neubuchabsatz zurückgeht in den kommenden Jahren, desto stärker wächst die "Buch"-Herstellung aus dem Internet. Wobei die bisherigen On-Demand-Modelle sich viel zu sehr auf eine Nachahmung des Buchcharakters kapriziert hatten - die Broschüre, die der Buchhändler aus dem Netz herstellt, ist in Zukunft in aller Regel im Format A4 und hat eine Art Chromoluxeinband mit transparentem Vorderdeckel.

Die Internetarbeiten rechnet er in etwa nach seinem Zeitaufwand ab. Das erfordert einiges Umdenken vom Buchhändler her, ist aber standardisierbar und wird vom Kunden durchaus verstanden. Die Buchhandlung wird bestimmt durch eine Art aufgelockerter Thekenlandschaft. Neubücher, Laserdruck- und Bindemaschinen, Auskunftsplätze und Sitzgruppen für persönliche Besprechungen lassen sich sehr gut und kundenfreundlich organisieren.

Es muß dabei unbedingt vermieden werden, daß die Kunden selber Zugang zum Internet bekommen - man ist kein Internetladen.

***Die Buchhändler haben jetzt die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, sofort und ohne die übliche Ziererei mit den Rechteinhabern pauschale Sonderabkommen zu schließen für die Digitalisierung uned Nutzung noch nicht gemeinfreier, aber auch nicht mehr neu lieferbarer Titel.

Das wird einige Mottensessel im Börsenverein entstauben, aber wir hoffen, daß Buchhändler und Verleger wenigstens untereinander in die Gänge kommen werden, und das noch vor dem Herbst, wenns beliebt. Dann ist es nur noch ein weiterer Schritt, die ja oft schon angefertigten Scans der noch geschützten Werke so ins Netz zu stellen, daß die Buchhändler - und nur sie - sie ausdrucken dürfen. Wobei allzu gierigen Verlegerkraken, in den Niederlanden und so (Mulzer, halts Maul) die Krallen zu beschneiden sind, sonst ist das Ganze nicht durchführbar.

So, das wäre mein Modell, wenn ich Neubuchhändler wäre, Hern Volland gelesen hätte und mir was einfallen lassen müßte.

2.
Freilich habe ich da gut reden, unsere Sorgen als Antiquare sind andere. Wohl aber gelten Vollands oben zitierte Sätze auch für uns.

Für das Antiquariat habe ich, gerade aus den marktnahen Erfahrungen, die ich als kleiner, aber ziemlich universeller Ebay-Händler seit Jahren sammle aus allen Kunden- und Wertbereichen, auch eine Idee.

Es ist aber Sonntag 23.15 Uhr neuer Sommerzeit, auch Buchantiquare bedürfen der Ruhe. Morgen weiter!


Für das stimmungsvolle Laternenpfahl-Foto bedanken wir uns bei Barrenetxea (Argazkiak)

Nota: Bei der bloßen Erwähnung des Namens "Libreka" bekomme ich Schrei- und Tobsuchtsanfälle. Dieses (nach meiner persönlichen Einschätzung) schrecklichste, peinlichste aller Netzunternehmen im Buchhändlerbereich, eine Mißgeburt in jeder Hinsicht, hat mit meiner Grundidee absolut nichts zu tun. Halten zu Gnaden.

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